Wie ich lerne, meinem größten Kritiker zu begegnen

Bist du jemand, der schnell für eine Sache brennt. Der sagt, das ist mein Ding? … Und dem dann das Dranbleiben anstrengend, unbequem und beinahe lästig ist?

Ich bin so ein Jemand.

Oder bist du jemand, dem zuerst durch den Kopf schießt: „Ja, aber…“? Der den Aufwand, die Gefahren hinter der tollen Unternehmung sieht?

Auch so ein Jemand bin ich.

Und beides ist schrecklich! Weil ich sehe, wie ich mir immer wieder selbst ein Bein stelle und mich selbst ausbremse.

Dabei weiß ich ja, dass es auch anders gehen kann! … Marit, Liebes, was hast du nicht alles auf die Beine gestellt…

  • Du hast dich vom Zwang der Interferonspritzen befreit!
  • Du hast es geschafft, auch Bauch und Herz eine Stimme zu geben!
  • Du hast dir wohltuende Menschen, Ideen und Therapien in dein Leben gezogen!
  • Du hast dir drei Reisen nach Indien organisiert!
  • Du hast dir einen Blog aufgebaut, der lebt!

und

  • Du selbst stehst nach 16 1/2 Jahren MS weiter auf deinen Beinen!

Mein Thema

Und weil ich mich als chronisch Kranke schwerer in die reguläre Arbeitswelt einbinden lasse und will

  • Du hast ein Fernstudium angefangen!

Ja! Ich habe angefangen. Und noch nicht beendet.

Zum Einen brauche ich länger, weil bei mir dann doch das Denken dauert. Und dauernd Denken strengt mich auch an. Ich habe manchmal eine lange Leitung. Und bin keine 18 mehr. Abi war einfacher…

Zum Anderen bin ich eine faule Socke, die das Prokrastinieren (das Aufschieben) zur Perfektion getrieben hat…

Ja! Ich merke, dass in mir drin mehr als eine Kraft am Walten ist:

  • Ich will, und ich will nicht. Und das bitte gleichzeitig.
  • Ich will den Preis. Aber bitte ohne Fleiß!

oder Gedanken wie…

  • Morgen ist auch noch ein Tag!
  • Ist nicht alles gut, so wie es ist?
  • Bleib doch hier. Hier bist du sicher!

Das sind ganz oft unklare, verschwommene, diffuse Wünsche, Gedanken, Gefühle. Schwer zu greifen. Aber leicht zu ignorieren…

Was also tun? Weiter dieses Hin und Her? Weiter wie das Kaninchen vor der Schlange? Weiter den Kopf in den Sand wie der Vogel Strauß?

Nun, weil ich ja mit meinem Fernstudium noch nicht genug an der Backe habe *lach*, mache ich parallel noch einen Kurs im Selbstcoaching. Und habe gestern eine Methode kennen gelernt, die mich im Verstehen meiner inneren Kräfte ein großes Stück weiter bringt.

Die Methode für mehr Klarheit und innere Einigkeit nennt sich „Innere Konferenz“.

Meine erste Innere Konferenz

Ich habe diese Methode gestern das erste Mal angewandt. Ich wollte all jene Kräfte in mir näher kennen lernen, die mich begeistern, mich träumen lassen, mich zurück halten, mich zweifeln lassen.

Und das anhand meines aktuellen Problems: Ich weiche dem Lernen für mein Fernstudium aus. Als ob ich scheitern WILL. Wo ich doch aber weiß, dass dies (m)eine Chance sein kann.

Die Herausforderung in dieser Methode besteht m. E. darin, die vielen Mitbewohner in mir drin auch WIRKLICH kennen lernen zu WOLLEN… Denn ganz ehrlich, da tun sich schon kleine Abgründe auf.

Bei mir ist die Bude voll… Zu meinem Thema melden sich in mir drin

  • der Macher, der strukturiert arbeitet und voran kommen will
  • der Innere Kritiker, der Chefideologe und Bedenkenträger in Personalunion ist
  • der Mentor, der wünscht, dass das Gelernte mir und anderen helfen wird
  • der Star, der sich Erfolg, Anerkennung, Ruhm und Geld wünscht
  • der Aufschieber, der einen bunten Strauß an Ablenkung anbietet
  • der Bequeme, der nicht aus seiner Komfortzone raus will

Und mit jedem der sechs unterhalte ich mich auch ausführlich. Ich frage jeden, welche Absicht hinter seinem Handeln steckt Was er will, was ihn beunruhigt, was ihn antreibt. Wie er durch sein Handeln zum MEINEM Wohlergehen beitragen will.

Denn JA! Jeder der sechs handelt zu meinem Wohl, in bester Absicht. Keiner der sechs will mir absichtlich schaden.

Und auch JA! Weil sich die ganzen Typen in mir drin aus dem Weg gehen (vielleicht ist das Bild des anonymen Hochhauses passend?), können sie gar nicht wissen, dass sie nicht alleine um mein Wohlergehen besorgt sich.

Es sind halt alles nur Fachidioten! Sie sind gut auf ihrem Gebiet, können aber nicht nach links und rechts gucken… Doch genau darauf zielt die Methode der „Inneren Konferenz“ ab: zu erkennen, und anzuerkennen, dass da mehr als einer ist. Dass sie alle ihre Daseins-Berechtigung haben. Dass sie aber auch nur miteinander mir wirklich eine Hilfe sein können.

Und ich selbst entscheide!

Und weil ich ein visueller Mensch bin, der gerne Grafiken nutzt, habe ich mir die Beziehungen und Verflechtungen meiner sechs Typen untereinander aufgezeichnet. Das hilft mir, Zusammenhänge zu erkennen und zu benennen.

049_Mitbewohner und Abhängigkeiten

Der dominanteste, laute Typ ist der Innere Kritiker. Er krittelt an allem und jedem rum. Er gibt die Maxime zur Weltanschauung raus, er ist der Einflüsterer. Und er hat seine Handlanger für die Drecksarbeit, den Aufschieber und den Bequemen.

Der Bequeme beeinflusst mit seiner Art meinen Star und meinen Mentor. Zwei Typen, die meiner Pitta- bzw. Wassermann-Natur entsprechen. Die gesehen, gehört und bewundert werden wollen. Und doch viel zu leise sind… Die sich beeinflussen lassen, die den bequemen Weg mögen. Die einen Anderen machen lassen, nur ohne klare Ansage.

Der Macher macht. Im Grunde an zwei Fronten. Hinter sich den Mentor und den Star, die was von ihm wollen, nämlich dass er mal macht. Vor sich den Inneren Kritiker, der leise flüstert und den Aufschieber vorschiebt, um den Macher zu manipulieren. Und doch will der Macher! Weil er von allen sechs der Weitsichtigste, der Vernünftigste ist.

Warum ich so bin, wie ich bin

Während ich mir also gestern diese Gedanken mache, frage ich mich, wo das alles herkommt. Warum dieser eine Typ so dominant ist…

Warum der Innere Kritiker so mächtig ist

Ich finde eine (nicht die absolute) Erklärung in meiner familiären Prägung. Keiner aus meiner direkten Familie (Vater, Mutter, Kinder) ist richtig mutig. Wir sind Leisetreter und Aussitzer. Wenn es um die eigenen Projekte, wenn es um Konflikte geht. Gleichzeitig hatte ich eine Kindheit, die man „behütet“ nennen kann. Entlastet von allem. Sorgenfrei. Aber eben auch ohne große Herausforderungen und Gefahren.

Und genau daraus nährt sich mein Innerer Kritiker: Er beschützt mich bis heute vor Gefahren, vor dem Versagen, dem Scheitern. Das macht er wenig elegant, denn er nutzt das Mittel der Einflüsterung: Kannst du das denn wirklich? Will dich denn jemand hören? Bist du denn gut genug?

Meine Wege zur Lösung

So ein A***loch, dieser Innere Kritiker, möchte ich sagen. Doch nein, seine Absicht ist gut. Seine Beweggründe berechtigt, wenn man seinen begrenzten Horizont beachtet. Er braucht Zuversicht.

Solche Memmen, der Mentor und der Star. Wollen was, aber nix dafür riskieren. Verständlich, wenn sie das Sich-Zeigen nie richtig üben konnten. Auch sie brauchen Zuversicht.

Die Zuversicht finden die drei im Macher. Denn er kann Halt geben, den Rahmen fürs Schaffen schaffen. Den die drei anderen füllen, mit Ideen und Projekten.

Und wer darf sich ausruhen? Der Aufschieber und der Bequeme. Sie dürfen klein werden…

Und so finden sich Wege, alle sechs Typen zu befrieden. Den Schreihals zu besänftigen. Den Leisen eine Stimme und Raum zu geben. Allen entgegen zu kommen und Kompromisse zu finden.

Das oben geschriebene ist mir erst jetzt, in der Rekapitulation gekommen. Das Folgende habe ich bereits gestern mit meinen sechs Typen vereinbart:

  • Augen zu (Aufsschieber) … und durch! (Macher)
  • Kommt Zeit, kommt Rat! (Macher vs. Innerer Kritiker)
  • Ansporn (Macher) aus Vision (Star, Mentor)

049_Wege zur Lösung

Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe.

Die Diskussion zwischen meinen Typen hält an. Aber, und das ist wichtig: Alle kennen sich jetzt. Wissen um die anderen. Können verstehen, was sie um-/antreibt. Können sich gegenseitig unterstützen…

Nach dieser vielen, wirklich nicht einfachen Arbeit, aber auch jetzt nach dem Aufschreiben, ist eine große Ruhe in mir. Vieles Unausgesprochene ist jetzt auf dem Tisch. Das ist ein guter Anfang.

Ein guter Anfang, um weiter zu machen! Zu Lernen. Den Abschluss zu schaffen. Darauf aufzubauen. Mein Leben zu gestalten!

Ich denke, es wird auch nicht die letzte Konferenz bleiben. Und die Typen werden kommen und gehen…


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