Mit meiner MS in Indien #3 24/7 Ayurveda

In jedem definierten Raum findet sich ein kleines Abbild der großen Welt.

Auch im Ayush Prana, dem auf die Behandlung der MS spezialisierten ayurvedischen Therapiezentrum, in dem ich nun 6 Wochen war.

Auch hier lässt sich alles und nichts erleben. Hier entwickeln sich Ideen. Hier verstummt das Ego und leert sich der Kopf. Und alles gleichzeitig.

Auch hier werden Hierarchien sichtbar. Das Oben und Unten. Das Delegieren und Gehorchen. Und das „Morgen ist auch noch ein Tag…“. Und alles gleichzeitig.

Auch hier scheint die Zeit anders zu vergehen. Sie bricht in großen Zeitscheiben vom Tag ab. Sie verfliegt und steht still. Und alles gleichzeitig.

Aber wie ist er nun genau, so ein normaler -mein normaler- Tag im Ayush Prana, dem auf die Behandlung der Multiplen Sklerose spezialisierten Ayurveda-Center. Im letzten Drittel meines Aufenthalts gebe ich Dir einen Einblick. 24h Marit im Ayush Prana.

Vom Aufstehen bis zum Frühstück * 06:00 – 10:00 Uhr

Um sechs in der Frühe ist meine Nacht zu Ende, der Wecker klingelt. Manchmal ist er nötig, manchmal nicht und die Blase treibt mich aus dem Bett. Eigentlich sollte man noch früher aufstehen, aber dafür bin ich zu faul, zu müde und zu rücksichtsvoll gegenüber den Ameisen im Bad und am Waschbecken, die ihr Nachtwerk da noch nicht vollendet haben…

Ich stehe ca. 06:20 Uhr auf und beginne den Tag mit meiner Morgenroutine, bestehend hier aus Toilettengang, Zungenreinigung, Zähne putzen und dem Waschen von Gesicht und verschwitzten Körperstellen. Eine Schutzcreme auf die Nase (leichte Rosacea), Deo untern Arm. Fertig.

Während Micha langsam aufsteht, sortiere ich mich, trinke etwas Wasser und nehme gegen 07:00 Uhr die erste Medizin, die Hauptmedizin 3x täglich. Danach rolle ich die Yogamatte aus und beginne mit ein paar Körperübungen. Derzeit etwas Yoga zum Dehnen und zwei Übungen zur Lockerung meines Ilio-Sakral-Gelenks, was hier wieder zu muckern beginnt.

Ab 07:30 Uhr sind dann die Doktoren im Center unterwegs. Micha stellt mir einen Stuhl vor die Tür, an dem ich noch Übungen fürs Gleichgewicht mache, und dann -im Tagebuch notierend- drauf warte, dass die Visite mich erreicht. Der Doktor greift meinen Puls am linken Handgelenk, und ist ganz still. Beobachtet. Erfühlt. Und fragt dann: „How are you?“ Und ich schildere, wie es mir geht. Über meinen Hunger, meinen Stuhlgang, wie der Schlaf war, was mich beschäftigt. Daraufhin legt der Doktor die Behandlungen des Tages fest.

Ab 08:00 Uhr füllt sich das Ayush Prana mit Angestellten. Die Wege werden gefegt, die Medizintees gekocht, das Frühstück vorbereitet.

Und ich selbst laufe eine Testrunde im Garten auf Zeit und Laufqualität.

Eine viertel Stunde vor 09:00 Uhr ist die nächste Medizin fällig, ein Dipana, ein Appetit-/Verdauungsfeuer-Anreger, den ich vor den drei Mahlzeiten einnehme.

Danach geht es zum Frühstück, und auf dem Weg dahin hole ich mir meinen Kashaya, meinen täglichen Medizintee im Office-Gebäude ab, welcher über den Tag verteilt zu trinken ist.

Das Frühstück besteht aus einem großen Teller voller Früchte, einer Auswahl aus Wassermelone, Bananen, Papaya, Mango, Trauben, Äpfeln, Granatapfel, Sapota. Dazu wird ein Porridge aus Weizenflocken angeboten, dazu verflüssigter Jaggery (unraffinierter Rohrzucker).

043_Frühstücksfrüchte

043_Porridge_Granatapfelherzen_14.02.17

Von der Körperbehandlung bis zur Mittagspause * 10:00 – 13:00 Uhr

Bereits um 10:00 Uhr ist für mich die nächste Medizin fällig. Danach habe ich noch eine gute halbe Stunde Freizeit, bis meine Therapeutin Renju mich zur Körperbehandlung abholt. Hierfür werfe ich mir ein Nighty über, ein für mich übergroßes Nachthemd, das ich mir aus Ermangelung an Alternativen mit einem Koffergurt in der Taille zusammenraffe.

Renju und ich sind ein eingespieltes Team. Sie holt mich mit Rollstuhl ab, damit ich den Weg zum Behandlungsraum nicht laufen muss. Auf dem Weg üben wir einige deutsche Vokabeln und Sätze. Denn Renju lernt mit mir Deutsch. Und sie hat jetzt schon mehr drauf in meiner Sprache als ich in ihrer…

Die Möglichkeiten einer Körperbehandlung sind unglaublich vielfältig und die Behandlung wird abhängig von bspw. dem Mondzyklus und meinem Puls gegeben.

In den vergangenen Aufenthalten hatte ich vor allem

  • Taila Dhara, ein warmer Ganzkörper-Ölguss mit anschließender Massage
  • Kashaya Dhara, ein warmer Ganzkörper-Guss mit einem Kräutersud
  • Powder Massage, eine Massage mit feinem medizinischen Pulver

Beim jetzigen Aufenthalt habe ich neben Kashaya Dhara und Powder Massage auch

  • Shira Dhara, ein Ganzkörper-Guss aus mit Reis und Medizinstoffen gekochter Milch
  • Öl-Massage
  • Marmapunkt-Massage, bei der ausgewählte Energiepunkte leicht stimuliert werden
  • Vasti, ein Einlauf mit bspw. mediziniertem Öl

Bin ich nach der Behandlung zurück auf dem Zimmer, ist es nach 11:00 Uhr, Zeit für eine zweite Dosis der Hauptmedizin. Das Duschen frisst auch je nach Anwendung Zeit (je öliger umso länger), so dass ich im Anschluss mein zweites Dipana fürs Mittagessen einnehme und kurz innehalte…

Die Sonne steht mittlerweile hoch am Himmel und ist der Morgen bei unter 30 Grad Celsius noch angenehm, so lege ich auf meinem Weg zum Mittagessen meine kurzen Laufpausen auf jeden Fall auf die Schattenplätze des Weges…

Aber ganz ehrlich. Der Sonnenlauf lohnt sich! Das Mittagessen ist jeden Tag unglaublich vielfältig in Farbe, Würzung, Geschmack. Dazu bedarf es gar nicht so vieler Zutaten. Denn deren Kombinationen sind beinahe unendlich: Jeden Tag gibt es eine Suppe, dazu Reis, zwei Gemüsezubereitungen, oft ein Chutney. Beinahe jeden Tag gibt es Chappati, diese dünnen Brote – besonders mit Ghee bestrichen ein Genuss. An besonderen Tagen gibt es statt dessen Reisnudeln, die mit viel Aufwand frisch zubereitet werden.

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Beinahe jeden Tag sitzen Micha und ich vor unserem Speisentablett und staunen. Analysieren. Schmecken heraus. Notieren die Zutaten. Auf dass wir das Gericht daheim nachkochen. Mit 100% Elan und vielleicht 60% Geschmackserfolg…

Während dessen ist es unangenehm heiß geworden und ich verkrieche mich zurück in mein Zimmer für eine Mittagspause.

Von der Mittagspause zum Shirovasti * 13:00 bis 18:00 Uhr

Im Zimmer ist es dunkel und im Verhältnis zu Draußen recht kühl. Der Ventilator dreht sich ganz sacht. Ich nutze die Mittagspause, um für mich persönlich zu lernen, um Tagebuch zu schreiben, um für Renju Vokabeln und deren Aussprache zu notieren. Von einem richtigen Mittagsschlaf wird abgeraten, und ich stupse Micha immer wieder an, damit er nicht vollends einschläft… Die Wärme strengt an…

Diese Mittagspause nehmen sich alle im Center, und bis ca. 14:30 Uhr ruht alles Treiben. Es ist einfach zu heiß…

Dann wird es Zeit für meinen zweiten Teil des Tages. Den Auftakt gibt eine kurze Bauchmassage von Renju, zur Verdauungsunterstützung. Anschließend werfe ich mich in meine Shirovasti-Kleidung (es bewährt sich, Kleidung nur dafür zu reservieren und dann abzuschreiben, denn Ölflecken sind schwer auszuwaschen)…

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Shirovasti ist die tägliche „Haupt“behandlung (oh, wie doppelsinnig!). Shiro bedeutet Kopf, Vasti bedeutet Einlauf. Zusammen gesetzt bedeutet dies, dass ich eine Lederkappe auf dem Kopf trage, in welcher sich warmes, mediziniertes Öl befindet. Dieses wirkt auf die Kopfhaut ein, seine Informationen dringen bis unter die Schädeldecke ins Gehirn. Die Wirkdauer reicht von 1h15 bis max. 1h50. Ich selbst sitze jeden Tag nur 1h25. Dem Shirovasti geht eine Kopfmassage voraus, zur Vorbereitung der Kopfhaut.

An jedem dritten Tag wird das Öl gewechselt. Wenn ich genau in mich und das Öl hineinfühle, spüre ich das auch. Das Öl wirkt schwerer. Das Shirovasti zu sitzen wirkt schwerer…

Nach Ablauf der Shirovasti-Zeit und Abbau der Lederkappe wasche ich mir Öl und die Paste aus Urad Dhal (dient als Kleister) aus, die im Haar verblieben sind. Dafür geht erstaunlich viel Zeit drauf, bei mir ca. 15-20 Minuten. Danach bin ich müde und auch geschafft… Und es wird gegen 17:00 Uhr wieder Zeit für die dritte Dosis Hauptmedizin.

Auch die Arbeiter und manche Therapeuten verlassen das Center gegen 17:00 Uhr. Einige Therapeuten und auch die Doktorinnen wohnen dagegen auf dem Gelände.

Bis zur nächsten Medizin vor dem Abendessen um 18:00 Uhr verbleiben mir rund 40 Minuten. Ich muss beim Schreiben gerade scharf nachdenken, wie ich diese verbringe… Ganz oft kann ich diese Zeit nicht erinnern, vielleicht wegen der Müdigkeit. Manchmal gehe ich mit Micha noch auf die Terrasse und gucke auf den Fluss. Manchmal sitze ich noch vor dem Haus und verabschiede den Tag. Wie gesagt, meine Erinnerungen sind vage, es ist für mich wie leere Zeit.

Von der Dämmerung in die Nacht * 18:00 bis 22:00 Uhr

Ganz leicht geht die Buntheit des Tages in fahle Farben über. Die Sonne versinkt hinter den Wäldern, und die Temperaturen sinken leicht ab. Die Zikaden beginnen zu zirpen, nein zu lärmen.

Micha und ich gehen zum Abendessen und geben auf dem Weg die geleerte Teeflasche im Office-Gebäude ab.

Das Abendessen ist einfacher gestrickt als die zwei Mahlzeiten zuvor, aber schmackhaft. Es lässt Vorfreude auf das Frühstück am kommenden Tag aufkommen.

Noch während des Essens kommt die Dunkelheit über das Center. Die Dämmerung ist kurz und direkt, nach 18:30 Uhr ist es zappenduster. An Wochenenden ist um 19:00 Uhr die Zeit für Videoanrufe mit der Familie, da ist es in Deutschland erst 14:30. (Wenn die MEZ gilt, beträgt die Zeitdifferenz 4,5h). An anderen Tagen gibt es Gespräche am Tisch, oder ich lerne mit Renju einige Vokabeln.

Gegen 20:00 Uhr, spätestens 20:45 Uhr ist aber auch für mich Schluss mit den Abendgesprächen und ich ziehe mich mit Micha zurück. Den Rückweg treten wir mit Stirn- und Taschenlampe an. Zwischen den Baumkronen blitzt die Milchstraße hervor, und nur hier -an einem Flecken der Welt ohne Lichtverschmutzung- sehen wir die tatsächliche Vielzahl an Sternen funkeln…

Zurück im Zimmer nimmt Micha einen Zimmercheck vor und sucht den Raum nach ungebetenen Gästen ab. Vorher sprüht er eine „Bannlinie“ aus Insektenschutzspray auf die Türschwelle und stopft mit einem Handtuch die Ritze unter der Eingangstür aus. Das alles sind Pseudo-Maßnahmen, denn wer rein will, ist schon längst drin. Der Gecko kichert laut ob dieser Gebaren. Wir wissen, sie sind sicherlich wenig sinnvoll, aber sie beruhigen…

Ich nehme meine letzte Medizin ein. Sie dient einem ruhigen Geist und unterstützt das Einschlafen. Ein Betthupferl ist sie aber nicht. Aus dem ganzen Medizin-Kanon ist sie -freundlich ausgedrückt- die am wenigsten schmackhafte.

Durch die Nacht in den neuen Tag * 22:00 bis 06:00 Uhr

Bevor wir gegen 22:00 Uhr das Licht löschen, schauen Micha und ich noch einen kleinen Film oder einen Serienteil auf dem Tablet an. Nichts aufregendes oder dramatisches. Eher unsere visuelle Gute-Nacht-Geschichte.

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Danach noch Zähneputzen, Katzenwäsche und aufs Klo. Und dann ab ins Bett, unter unseren Moskitonetz-Baldachin.

Und als letzte offizielle Handlung stelle ich Micha und mir allabendlich die Frage: „Was war heute gut?“ Und wir zählen uns gegenseitig die kleinen und großen Dinge auf, die uns gefielen, uns bewegten. Einfach zum Erinnern, zum Bewusst werden…

Meine Nacht vergeht in Etappen. Ich wache regelmäßig auf. Im steten 2-bis-3-Stunden-Rhythmus muss ich aufs Klo und meine Blase ist jedes Mal bis zum Bersten gefüllt.

Und um sechs in der Frühe ist meine Nacht zu Ende, der Wecker klingelt. Es dämmert und ein neuer Tag beginnt. Wie der Tag und die Tage zuvor. Und wie alle Tage, die folgen werden…


Bearbeitungsstand: 04/2017

Für mehr Informationen zur Behandlung: www.msayurveda.com

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