Sanjeevani – Der Mythos im Medizinschrank

„Sanjeevani“ ist ein Begriff aus dem Sanskrit und kann übersetzt werden mit „Leben spendend“.

„Sanjeevani“ findet als eine oder mehrere Heilpflanzen Erwähnung im Ramayana, einem altindischen Heldenepos.

Auch meine ayurvedische Medizin trägt den Namen „Sanjeevani“.

Da liegt es doch nahe, dass ich mich näher mit „Sanjeevani“, seiner Herkunft und Bedeutung beschäftige.

Also schaue ich mir zuerst einmal an, wo der Begriff herkommt. Und ich werde in der altindischen Mythologie, dem Heldenepos Ramayana fündig. Dort wird Sanjeevani erwähnt…

Sanjeevani in der Mythologie

Es steht im sechsten Buch des Ramayana, Canto 74 [1][2], dass Ramas Bruder Lakshmana und viele Krieger in der Schlacht tödlich verwundet werden. Um sie zu retten, wird Hanuman ausgesandt, auf einem Berg des Himalaya Leben spendende Kräuter zu sammeln:

„Auf dem hohen Rücken des Berges wachsen vier Pflanzen aus dem Boden, die über außerordentliche Kräfte verfügen und blitzend ihren Glanz über die benachbarten Lüfte aussenden. Eine zieht den Schaft heraus, eine bringt den Atem des Lebens zurück und erwärmt die Toten, eine heilt jede Wunde, und eine gibt bleichen Wangen die gewohnte Farbe wieder.“ [2]

044_Große Schlacht

044_Gott Hanuman

Doch diese Kräuter entziehen sich seinem Blick, so dass Hanuman kurzentschlossen die Spitze des Berges abreißt und diese zum Schlachtfeld trägt. Der Duft der Kräuter belebt Lakshmana und die Krieger…

Eine der vier im Epos genannten Kräuter, jene, die „den Atem des Lebens zurück“ bringt, trägt den Namen Sanjeevani.

Soweit die Mythologie… Ein wahres Wunder…

Ich meine, wir Menschen suchen seit jeher nach solch einem Kraut. Einem, das Leben spendet, das Kraft und Gesundheit schenkt. Das unverwundbar, ja vielleicht sogar unsterblich macht.

Und seit jeher läuft die Suche. Generationen von Menschen, von Heilern, Herrschern und Gelehrten suchen nach Sanjeevani…

Sanjeevani in der Wissenschaft

Auch die moderne Wissenschaft sucht nach diesem Kraut. Oder auch nach einem Strauß an Kräutern, welche die im Mythos beschriebenen Wirkungen vereinen.

Derzeit werden einige vielversprechende Kandidaten erforscht:

  • Saussurea gossypiphora (Alpenscharte), zusammen mit Pleurospermum candollei (ein Doldenblütler) [3]
  • Rhodiola (ein Rosenwurz) [4]
  • Selaginella bryopteris (ein Moosfarngewächs), Desmotrichum fimbriatum (eine Braunalge), Cressa cretica (ein Windengewächs) [5]

Alle diese Pflanzen sind in den Himalayaregionen oder dem subtropischen Süden Indiens heimisch. Sie werden seit jeher in den lokalen Volksmedizinen verwendet. Nun wendet sich auch die moderne Wissenschaft diesen Pflanzen zu, auf der Suche nach dem magischen Kraut Sanjeevani.

Auch die Regierung des nordindischen Bundesstaates Uttarakandh unterstützt die Suche und stellte im Sommer 2016 Forschungsgelder i.H.v. 250 Mio Rupies (ca. 3,6 Mio Euro) für die Suche und Erforschung eines Sanjeevani-Äquivalents zur Verfügung.

Es ist bisschen wie die Suche nach der versunkenen Stadt Atlantis…

Sanjeevani in meinem Medizinschrank

Ich selbst muss nicht lange nach meinem persönlichen Sanjeevani suchen. Es steht, fein in Tablettenform gepresst, in meinem Medizinschrank.

Die Medizin „Sanjeevani“ ist die Hauptmedizin, die im Ayush Prana gegeben wird. Sie beinhaltet Wirkstoffe aus 2 Pflanzen, und ich schlage deren Verwendung im Ayurveda in einem Buch [7] nach, welches die Heilpflanzen der ayurvedischen und westlichen Medizin gegenüberstellt:

Bacopa monnieri (Brahmi, oder: kleines Fettblatt, oder: indisches Wassernabelkraut):

„[…] Sie gilt als eine der besten Mittel, den Intellekt zu starken und die geistigen Leistungen zu verbessern […] Sie beruhigt dadurch Vata, ist nervenberuhigend, angstlösend und krampflösend […] Das Indische Wassernabelkraut oder Kleine Fettblatt hat in der westlichen Phytotherapie keine Tradition […]“ [7]

044_Brahmi

Brahmi ist für den Ayurveda praktizierenden Europäer eine bekannte Heilpflanze. Sie wird vorzugsweise in Tablettenform angeboten. Seit Neuestem wird Brahmi auch als sog. „Superfood“ angepriesen, u.a. zur Stärkung der geistigen Leistungsfähigkeit für gestresste Viel-Lerner…

„[…] In den vergangenen Jahren wurden mit verschiedenen Zubereitungen aus Bacopa monnieri In-vitro- und Invivo-Untersuchungen durchgeführt. In Tierexperimenten sowie in klinischen Studien mit gesunden Freiwilligen konnte eine adaptogene, Stress mindernde, antidepressive, neuroprotektive und Angst losende Wirkung nachgewiesen werden. In klinischen Studien mit gesunden älteren Freiwilligen wurde nach Verabreichung von Extrakten der Pflanze eine Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit (z. B. Merkfähigkeit) beobachtet […]“ [7]

Der Ayurveda benennt für Brahmi folgende karmische Eigenschaften (die ayurvedischen Wirkungen):

„[…] vatahara (Vata ausgleichend), kaphahara (Kapha reduzierend), Rasayana (Verjüngungsmittel), ayushya (lebensunterstützend), medhya (mentale Leistungen verbessernd), matiprada (intelligenzsteigernd), svarya (gut für die Stimme), prajasthapana (fruchtbarkeitsfördernd), vishahara (entgiftend), mohahara (schmerzstillend, betäubend) […]“ [7]

Ganz ehrlich! Das sind enorme, im wahrsten Sinne lebensfördernde Eigenschaften!

Zingiber officinalis (Ingwer):

„[…] Ingwer wurde als Heilmittel außerhalb Indiens bereits im antiken Griechenland und Rom verwendet und ist seit dem frühen Mittelalter über den Handel auch in Mitteleuropa eingeführt. Ingwerwurzel ist heute im Westen nahezu überall in Gemüseladen und Apotheken als Arzneidroge erhältlich […] Die Ingwerwurzel gilt im Ayurveda als große und universelle Medizin, wird frisch (Ardraka) und trocken (Shunti), äußerlich und innerlich verwendet und ist in zahlreichen Komplexpräparaten enthalten […]“ [7]

044_Ingwer

Ingwer kennen wir alle. Im Tee, als Gewürz… anregend, erwärmend… Sein Karma ist umfangreich und wird wie folgt beschrieben:

„[…] dipana (verdauungsanregend), pachana (verdauungsstärkend), anulomana (ausleitend, abführend), amadoshahara (Ama beseitigend), vatakaphapaha (Vata-Kapha balancierend), hridya (gut für das Herz) […]“ [7]

Ingwer unterstützt also v. a. die Verdauung! Der Ayurveda misst einer gut funktionierenden Verdauung eine hohe Bedeutung zu. „Du bist, was du verdaust.“, heißt es hier. Eine gute Verdauung ist elementar für ein gutes, gesundes Leben.

Die Kombination aus Brahmi und Ingwer ist eine mächtige und breit wirkende Medizin zur Erhaltung eines gesunden Lebens. Aber ist es genau DAS Sanjeevani, nach dem gesucht wird..?

Sanjeevani in uns selbst

Am Ende stellt sich die Frage, ob es DAS EINE Kraut, das eine WAHRE Sanjeevani wirklich gibt. Ob es jemals gefunden werden kann. Oder ob der Heldenepos Ramayana weniger eine spannende Action-Story sondern vielmehr eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit unserem Innersten beschreibt, den Kampf zwischen Seele und Ego:

„Im übertragenen Sinne kann man darin den großen Kampf der Seele sehen, wie er bereits vor tausenden Jahren […] erfahren wurde und noch heute täglich stattfindet. Die Seelenreise beginnt mit der mystischen Hochzeit zwischen der irdischen Seele und dem allmächtigen Gott, der uns beschützt und alle Wünsche erfüllen kann. Der Gott wird jedoch verbannt und die Seele vom egoistischen Dämon entführt. Eine ungestüme Armee aus Gedanken kommt zu Hilfe, und schließlich findet ein großer Kampf auf jener Insel statt, die wir alle gut kennen, und auf welcher der stolze Dämon in seiner Festung lebt […]“ [0]

Vielleicht finden wir Unsterblichkeit nicht in den irdischen, materiellen Dingen, nicht in dem irdischen, materiellen Leben. Im irdischen Leben jedenfalls senden wir gerne mal ein Gebet gen Himmel, zu Gott, zu dem Einen, zu dem ungreifbaren Großen: ein Stoßgebet, eine Klage, ein Wunsch, ein Dank.

Auf dass es gut werde. Besser werde.

Und über diesen Wunsch, der auch der meine ist, komme ich zu einer anderen Deutung von Sanjeevani. Der Deutung als heilendes Gebet. Als Mantra…

Das Maha Mrityunjaya Mantra

… ist auch als Mrita Sanjeevani Mantra bekannt. Es gilt als das große Mantra zur Überwindung des Todes hin zur Unsterblichkeit. Gesungen klingt es sehr kraftvoll und wirkt es unterstützend auf die mentale, emotionale und physische Gesundheit.

Om
Tryambakam Yajaamahe
Sugandhim Pushthi Vardhanam
Urvaarukamiva Bandhanaan
Mrityor Muksheeya maamritaat
Om

Eine vereinfachte Übersetzung interpretiert den Mantratext so:

„Wir beten zum dreiäugigen Einen (Shiva), der duftend ist, und der alle Wesen stützt. Soll er uns von Tod befreien. Soll er uns zur Unsterblichkeit führen, so wie die Gurke von seiner Bindung an der Rebe befreit wird.“ [8]

Auf meinem Android Smartphone nutze ich die App „Meditate OM“, um das Maha Mrityunjaya Mantra zu rezitieren. Warum?

Heißt es nicht, der Glaube versetze Berge..?

044_Berg-Dhaulagiri


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Quellen (Abruf am 25.04.2017):

[0] http://www.pushpak.de/

[1] http://www.ramayana.pushpak.de/b6n070.html

[2] https://en.wikipedia.org/wiki/Sanjeevani_(plant)

[3] What is „Mrit Sanjeevani“ a magical herb described in „Ramayana“?, Satheesan S M: https://www.linkedin.com/pulse/what-mrit-sanjeevani-magical-herb-described-ramayana-satheesan-s-m

[4] Scientists say himalayan herb is modern day sanjeevani, The Hindu, 25 August 2014: http://www.thehindu.com/sci-tech/health/medicine-and-research/scientists-say-himalayan-herb-is-modernday-sanjeevani/article6348112.ece#!

[5] In search of Sanjeevani, Current Science, Vol. 97, No. 4, 25 August 2009: http://www.currentscience.ac.in/Downloads/article_id_097_04_0484_0489_0.pdf

[6] Indian state steps up hunt for mythical glow-in-the dark plant, The Guardian, 28 July 2016: https://www.theguardian.com/world/2016/jul/28/indian-state-uttarakhand-hunts-mythical-glow-in-the-dark-plant

[7] Schrott, Ernst; Ammon, Hermann Philipp Theodor: Heilpflanzen der ayurvedischen und der westlichen Medizin. Eine Gegenüberstellung, Springer-Verlag Berlin, Heidelberg 2012.

[8] Was heißt Sanjeevani?: http://www.sanjeevani-retreat.com/was-heisst-sanjeevani-mrityunjaya-mantra/

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