20 Jahre später – Selbsterfahrung Klassentreffen

Achtung. Polemik.

Über 20 Jahre später.

Über meine Selbsterfahrung Klassentreffen.

Wie knüpft man an ein Leben an, dass so weit weg erscheint. In der Erinnerung, im gelebten Leben. Und in dem man wahrhaftig ein anderer Mensch war.

Nee, nicht einfach nur jünger! Sondern, in meinem Fall, auch auf ungesunde Weise oberflächlich und naiv.

Und doch. Einige meiner Wesenszüge sind gleichgeblieben. Ob dies zu meinem Vor- oder Nachteil ist, weiß ich nicht. Ich bin (immer noch) keine Rampensau. Ich posaune (immer noch) nicht jeden Blödsinn heraus.

So habe ich auch Anfang September während meines Klassentreffens agiert. Oder re-agiert.

Kollektiver Schniepelvergleich

… mehr ist ein Klassentreffen eigentlich nicht. Dem „Wie geht’s dir?“ folgt augenblicklich ein „Und, was machste jetzt?“

Was antwortet man, wenn man seine „besten“, beweglichen und überwiegend gesunden Jahre damit verbracht hat, das Bruttoinlandsprodukt zu mehren. Und nun nicht mehr.

Was antwortet man, wenn man statt „mein Haus, mein Mann, mein Job, meine Kinder“ ganz anderes vorzeigen kann: „meine MS, mein Schwerbehindertenausweis, meine Kraftlosigkeit“.

Das ist für ein Klassentreffen einfach nicht genug… Nach 20 Jahren muss man doch etwas erreicht haben.

Was habe ich erreicht?

Ich habe (über)lebt. Ich (über)lebe.

Selbsterfahrung

Da ist es wieder. Das stille Gejammer, das Selbstmitleid. Das widersinnige Bedürfnis, sich mit anderen zu vergleichen. Vorzugsweise mit jenen, die es augenscheinlich „geschafft haben“. Warum lässt man, lasse ich, nicht ab von diesem destruktiven Gedankenspiel.

Wo ich doch nichts weiß von möglichen privaten Abgründen und Dramen, die man natürlich nicht in solch eine Runde trägt.

Wo ich aber sehr wohl weiß, was ich erreicht habe. Achtung, jetzt wieder die Einschränkung: „im Rahmen meiner Möglichkeiten“.

Wie mich das anko***.

Denn da ist es wieder. Der Wunsch, der Wille, mitzuhalten, mitzuziehen mit dem Mainstream. Dem, was gesellschaftskonform ist. Dem, was normal ist.

Der Witz ist dabei, dass ich einem Ideal nacheifere, das nicht mehr meins sein kann. Weil ich diesem nicht mehr entsprechen kann. Und infolge dessen auch nicht mehr entsprechen will.

Und dabei merke ich, dass ich im Außen mit zweierlei Maß gemessen werde. Es ist offensichtlich, dass ich vieles gerade nicht kann. Und doch gibt es Gesellschafts- und Sozialsysteme, die von mir erwarten, dass ich vieles kann.

Ein Beispiel: Seitens des Arbeitsamtes gibt es einen Dienst für Integration. Mir wurde suggeriert, dass es „Bedarf“ an Behinderten wie mir gibt. Für die Quote.

Wie mich das anko***.

Nach über zwei Jahren, in denen ich ohne Argwohn, aber mit einer großen Portion Naivität meine Bewerbungsfühler ausstreckte, bin ich ernüchtert. Mich als Behinderte will kein Arbeitgeber. Mich als Behinderter will aber auch kein Arbeitsamt oder Jobcenter… Ich werde mich also damit arrangieren, dass ich mich noch vor meinem 40sten Geburtstag verrenten lasse.

Ist das etwas, mit dem man auf einem Klassentreffen hausieren geht? In einer Lebensphase, wo die Normalen auf der Höhe ihrer Produktivität sind. Und meine Produktivität darin besteht, das eigene Existieren zu meistern. Darin sind Extras wie 3 Stunden Klassentreffen noch gar nicht budgetiert.

Ich ziehe kein Fazit aus meiner Teilnahme am Klassentreffen. Es war, wie es war. Gut und ernüchternd. Mir den Spiegel meines Selbst vorhaltend.


Individueller Rückblick

Vor 5 Jahren, 2012, war ich nicht zum Klassentreffen.

Ich habe mich drum gedrückt. Damals war ich zwar „nur“ unsichtbar behindert, aber im Kopf war mir die Vorstellung eines Wiedersehens ein Grauen. Auch aus den Erfahrungen des vorangegangenen Treffens.

Vor 10 Jahren, 2007, war ich zum Klassentreffen.

Ich hatte mich darauf gefreut, und bin doch mit einem Unwohlsein wieder gefahren. Zu dieser Zeit war ich beinahe noch gesund, zumindest redete ich mir das ein. Was mir dennoch Unwohlsein bereitete? Die Gespräche, die ich führte, empfand ich als oberflächlich. Von ehemaligen Schulfreunden fühlte ich mich entfremdet. Der Anblick einer ehemaligen Mitschülerin im Elektrorollstuhl und mit Assistenz beunruhigte mich. Hatte sie doch die gleiche Diagnose wie ich.

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4 Kommentare

  • Wieder ein Artikel, der mich traurig macht, mich weinen lässt. Ich kenne Dich seit 18 Jahren. Du warst immer ein Mensch, den ich bewundert habe und es noch tue. Trotz der räumlichen und zeitlichen Distanz zwischen uns, stehe und stand ich Dir gedanklich und gefühlsmäßig immer nahe. Obwohl ich durchaus ein materiell orientierter Mensch bin (Du kennst meinen Mann und mein Auto, nicht jedoch Haus und Kind), bewundere und liebe ich Dich wegen Deiner inneren Werte, Deiner Klugheit, Deines Intellekts, auch Deiner Kraft in der von Dir selbst empfundenen Kraftlosigkeit. Du hast solch eine innere Stärke, ein sanftes aber ausdauerndes Brennen in Dir. Du bist ein Stehaufmännchen, so oft wie Du Dich selbst an den Haaren aus dem Sumpf gezogen hast.
    Klassentreffen werden überbewertet. Wie Du es schon geschrieben hast, nur ein Überbieten an Habe und Status. Aber frage einmal, wer sich wirklich menschlich, mental, intellektuell so weiter entwickelt hat, wie Du. Siehst Du!

    Marit, Du bist meine Heldin, die Ritterin! Vergiss das nicht!

    P.S. Wann wollen wir endlich unser Klassentreffen abhalten. 15 Jahre sind es ja heuer…

    • Liebe Marie, es ist schön zu erleben, dass meine Texte gelesen werden, ich freue mich sehr, besonders über deine lieben Worte! Auf jeden Fall sind Klassentreffen überbewertet, und stets subjektiv in der Wahrnehmung. Das habe ich an dem Abend ja auch an mir beobachtet. Klasse Feldforschung! Dennoch, wenn man sich nach den Jahren beäugt und begutachtet, da bin ich wie so viele von uns und möchte einfach gut dastehen. Im Außen, und einen Schei** auf die inneren Werte 😉 Einfach mal ein normales Leben mit normaler Vita. Und dann sag ich mir, normal ist ungesund. Und damit bin ich wieder bei deinen Worten. Danke für die Erinnerung! … [Nachtrag] Irgendwie ist das bei dir was anderes. Wir sind da beinahe sprichwörtlich zusammen reingewachsen.

  • Also erstmal liebe Marie, besser hätte ich das nie sagen können aber ich gebe dir mit allen deinen Aussagen recht und ich fühle genauso!
    Und Marit:
    1. ich habe dich nie naiv und schon gar nicht oberflächlich erlebt
    2. Klassentreffen sind immer irgendwie ein zweischneidiges Schwert – ich gehe da auch immer mit gemischten Gefühlen hin. Einerseits freue ich mich die ‚alten‘ Gesichter wiederzusehen, andererseits ist es schon ein mulmiges Gefühl. Was haben wir uns noch zu sagen nach all den Jahren? Und jeder zweite fragt nach dem Warum zum kinderlos sein…
    und 3. … was ist schon normal … 🙂
    Hab dich lieb.

    • Liebe Claudia, danke für deinen Worte. Ich finde es spannend zu erfahren, dass das „mulmige Gefühl“ sich bei so vielen einstellt. Schön finde ich das ganz und gar nicht, denn wir schleppen da Komplexe mit uns rum, die irrational und ungesund sind … Was ich aber an mir selbst erlebe, ist dass es scheinbar einen Unterschied in der (Selbst)Wahrnehmung macht, ob dein Gegenüber mit dir und deinem „Defizit“ mitgewachsen“ ist (so wie bei uns) oder ob du ihn aus dem Nichts damit überraschst. Hab dich auch lieb!

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