Wie Dir Achtsamkeit dabei hilft, Unangenehmes anzunehmen

Der Begriff Achtsamkeit ist seit einigen Jahren in aller Munde. Auch Du bist sicher schon einmal über diesen Begriff gestolpert. Vielleicht ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, was es bedeuten kann, achtsam zu sein.

Auf jeden Fall steckt mehr dahinter als nur: „Augen auf im Straßenverkehr!“ oder die Ansage der Eltern „Hier spielt die Musik!“.

Heute schreibe ich also über Achtsamkeit, diesen sperrigen Begriff ohne eindeutige Definition. Aber warum? …

Ich habe ein Achtsamkeits-Wochenende erlebt. Endlich wieder! Zwei Tage abseits des großstädtischen Trubels und der Verlockungen von Medien, Sozialen Netzwerken und Co. Zwei Tage, an denen auf den ersten Blick ganz wenig passiert ist. Auf den zweiten Blick aber schon: Ich habe mich wieder neu kennengelernt. Ich habe mich selbst wieder lieben gelernt. Und mir ist bewusst geworden, dass dieses „sich selbst lieben“ etwas unglaublich Wichtiges ist. Um heil zu werden. Gesund zu werden. Gesund zu bleiben.

Am liebsten würde ich Dich jetzt an den Armen packen, und rütteln und Dir sagen: „Mach nicht denselben Fehler wie ich! Verlier‘ nicht den Kontakt zu Dir selbst! Nimm Dich als Freund an! Sei lieb zu Dir! Und … Bleibe gegenwärtig!

Denn genau das hatte ich lange Zeit vergessen. Lange Zeit hatte ich den Kontakt zu mir selbst verloren, war wie auf Autopilot. Und hatte dadurch auch den Kontakt zu meinem Körper verloren, den ich nur als Diener, nicht als Freund wahr nahm.

Dabei wollen wir doch – Du und ich – gesund und heil sein in Körper und Seele. Aber wie soll dies gelingen, wenn wir unseren Nächsten – genau diesem Körper, genau dieser Seele – nicht in Liebe und Freundschaft begegnen?

Und darum schreibe ich heute über Achtsamkeit. Als ein Wachrüttler. Als Bitte und Mahnung an Dich zugleich.

Ich schreibe darüber, was Achtsamkeit ausmacht. Überhaupt, wie ich dazu gekommen bin, mich mit Achtsamkeit zu beschäftigen. Welche Erfahrungen ich mit dem Üben von Achtsamkeit gemacht habe. Was es bedeutet, mit sich selbst achtsam zu sein.

Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit ist kein neumodischer Kram. Kein hipper Lifestyle. Achtsamkeit ist etwas richtig Altes. Und sie scheint einen universellen Ursprung zu haben. So findest Du sie den Lehren und Übungen des Buddhismus ebenso wie in den Lehren der griechischen Stoiker.

Ein Großer unter den Weisen der westlichen Welt ist Jon Kabat-Zinn. Durch ihn wurden die Ideen von Achtsamkeit und Meditation zu uns getragen, welche er in seinen MBSR-Programmen umgesetzt hat (Mindfull Based Stress Reduction – Stressbewältigung durch Achtsamkeit). [1]

John Kabat-Zinn beschreibt das Wesen von Achtsamkeit

  • als bewusst im Entscheiden und Handeln.
  • als eine Erfahrung, ein Erleben des Augenblicks.
  • als urteilsfrei gegenüber Dingen, Ereignissen und Situationen.

In einer weiter gedachten Form von Achtsamkeit wird auch das vertraut sein als ein liebevolles Wahrnehmen des eigenen Selbst benannt. [2]

012_Grafik_Was Achtsamkeit ausmacht

Grafik_Was Achtsamkeit ausmacht [1] [2]

Durch Zufall blätterte ich 2010 in einer Fachzeitschrift für Ärzte zum Thema Schmerzen. Auf der letzten Seite wurde darin ein Buch vorgestellt mit dem Titel „Gut leben trotz Schmerz und Krankheit“. Reißerischer Titel, dachte ich mir. Kann aber nicht so falsch sein, wenn’s sogar in einer Fachzeitschrift rezensiert wird, dachte ich weiter. Also hab ich’s bestellt. [2]

TROTZ Schmerz und Krankheit? Oder besser MIT? – unglücklich übersetzt

Warum ich den deutschen Titel so reißerisch fand? Und bis heute unpassend finde? Wegen des kleinen Wörtchens TROTZ. Das Synonym-Wörterbuch des Duden findet eine Fülle von Ersatzworten für diese Wortfamilie von trotz / Trotz / trotzdem / trotzen / trotzig / Trotzkopf. Hinter allen verstecken sich Gedanken- und Verhaltensmuster aus Widerstand und Kampf.

Im englischen Original lautet der Buchtitel übrigens „Well Living with Pain and Illness“. With – MIT. Gut Leben MIT Schmerz und Krankheit. Nur ein kleines Wort ist nicht wörtlich übersetzt. Aber es macht einen großen Unterschied. Wenn nicht sogar DEN Unterschied, zwischen reißerisch und vertrauensvoll.

Eine unglückliche Übersetzung des Buch-Titels. Ein unglaubliches Glück, dass es dieses Buch gibt.

Warum weiter gedacht? Und von wem? – Vidyamala Burch und breathworks

Vidyamala Burch, die Autorin des Buches, lebt selbst seit vielen Jahren mit chronischen Rückenschmerzen. Ihr Tag gestaltet sich als ein steter Rhythmus aus Sitzen, Stehen und Liegen. Und indem sie sich gewahr ist, was ihr gerade gut tut und ihr Körper gerade braucht, gelingt es ihr, mit dem Schmerz zu leben. Mit dem Schmerz. Nicht gegen ihn.

Vidyamala vertieft in ihrem Buch das Verständnis von Schmerz. Ob seelischen oder körperlichen Ursprungs, weh tut es immer. Sie schaut sich den Schmerz von allen Seiten an, sie dreht und wendet den Schmerz von oben nach unten, sie stülpt ihn von innen nach außen.

Der Schmerz selbst bleibt immer gleich. Die Krankheit bleibt immer noch gleich. Aber der Umgang damit verändert sich, die Wahrnehmung verändert sich. Und darin liegt die große Chance.

Aus ihren Erfahrungen heraus hat Vidyamala das Netzwerk breathworks gegründet. Es unterstützt Menschen mit seelischen und körperlichen Schmerzen, Menschen mit chronischen Krankheiten darin, einen guten Umgang mit sich selbst zu pflegen. Diese Fähigkeit wird in Kursen und Seminaren durch geleitete Meditationen und dem Schulen der eigenen Körperwahrnehmung vermittelt.

breathworks International: http://www.breathworks-mindfulness.org.uk/

breathworks Deutschland: http://www.breathworks.de

Meine Erfahrungen mit Achtsamkeit

Über Vidyamalas Buch bin ich zur deutschen Dependance von breathworks gekommen. Und habe mich 2011 sehr spontan zu einem Achtsamkeits-Wochenende angemeldet. Ich bin ohne große Erwartungen hingefahren. Ich war aufgeregt, denn mit Meditation hatte ich bis dahin nichts am Hut, und von Achtsamkeit nur angelesenes Wissen. Und ich traf Tanja und Abhayada, die breathworks Deutschland vertreten. Die selbst so viel Freude und Freundlichkeit ausstrahlen, dass einfach etwas davon bei Dir hängen bleiben MUSS!

Und das Wochenende war mir eine Offenbarung. Danach trat ich meinen Rückweg an.

Vielleicht kennst Du das? Es plappert unaufhörlich, in einem fort: Der Geist, das Ego. Es erzählt, was war, es rekapituliert Geschichten, es plant voraus – immer und immer wieder. Es kommt vom Hundertsten ins Tausendste. Und dreht sich doch immer nur im Kreis…

Nach diesem ersten Wochenende hörte auf einmal der ewige Gedankenstrom in meinem Kopf auf zu rauschen.

Und auf einmal war da diese Stille im Kopf! Und in dieser Stille breitete sich Bewusstsein aus. Ich wurde mir auf einmal bewusst, dass ich aus viel mehr bestehe als nur aus Kopf und Geplapper. Und nach langer Zeit wurde ich mir selbst als Ganzes gewahr, dass ich in einem – meinem – Körper lebe. Und ihn bewohnte wie ein Messi, ein Miet-Nomade! Auf Verschleiß! Unachtsam!

Und diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag. Sie brach über mich herein ohne Vorwarnung. Und ich weinte und weinte… So tief traurig, dass ich mich so lange Zeit verloren hatte. So unglaublich dankbar, dass mir ein neuer Weg gezeigt wurde…

Und genau deswegen würde ich Dich jetzt gern an den Armen packen, und rütteln und Dir sagen: „Mach nicht denselben Fehler wie ich!“

Ich bin nach Hause gefahren, als eine neue Marit – so doof sich das anhört. Voller Ruhe in mir. Mit einem neuen Körpergefühl, einer neuen Körperhaltung – aufrecht, mit den Füßen fest auf dem Boden, die Füße selbst so weich… Ich habe lange Monate davon gezehrt. Und habe mit jedem weiteren Mal etwas Neues gelernt.

Achtsam zu sein heißt für mich, in mir Zuhause zu sein! Nicht nur im Kopf. In mir als Ganzes. An manchen Tagen gelingt es gut, an manchen muss ich darauf achten, mich nicht zu verlieren.Und doch verliere ich nicht dabei: Achtsamkeit ist lebenslanges Lernen.

Freundschaft mit Dir selbst – Meine Einladung an Dich!

So auch am vergangenen, meinem bereits dritten Achtsamkeits-Wochenende. Ich habe von Abhayada etwas über Freundschaft gelernt. Die Freundschaft zu mir selbst. Und wie ich mich darin üben kann, mir selbst ein guter Freund zu sein. Und damit auch anderen:

„Meditation selbst ist eine herrliche und spontane Sache: ein unausgesetzter Prozess, mit uns selbst Freundschaft zu schließen. […] Nachdem das geschehen ist, können wir diese Freundschaft nicht einfach nur bei uns behalten, und das ist unsere Beziehung zur Welt.“ (Chögyam Trungpa Rimpoche)

Und dieses Zitat ist meine Einladung an Dich!

Erlaube Dir, Dein bester Freund sein. Achte darauf, wie Du Dich im Moment fühlst, was du im Moment erfühlst und spürst. Im Körper, im Herzen. Erlaube Dir, dies alles nicht nur „so im Vorübergehen“, sondern ganz bewusst wahrzunehmen. Ohne das Erlebte und Erspürte zu bewerten. Urteilsfrei. Um Dich selbst neu kennen zu lernen, um mit Dir vertraut zu sein.

Und nur darum geht es. Freundschaft schließen. Mit dem Unangenehmen, der Krankheit, dem Schmerz. Für ein gutes Leben!

In Liebe und Dankbarkeit geschrieben nach einem belebenden Wochenende mit Tanja und Abhayada von breathworks Deutschland, einer Gruppe voll inspirierender Menschen, im Haus Königssee in Oberdürenbach/Eifel, einem Zuhause auf Zeit.


Quellen:

[1] John Kabat-Zinn: Gesund durch Meditation. Das große Buch zur Selbstheilung, Knaur Taschenbuch, Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München 2011.

[2] Vidyamala Burch: Gut leben trotz Schmerz und Krankheit. Der achtsame Weg, sich vom Leid zu befreien, 1. Auflage, Goldmann Arkana, München 2009.

Bildquellen

3 Kommentare

  • Nicht nur der Umgang mit Schmerzen ändert sich durch Achtsamkeit. Auch der Umgang mit Menschen. Man muss sich nur auf die mit Menschen und den Moment, den man mit diesen Menschen erlebt, wirklich einlassen. Einwirken lassen. Beobachten. Erleben.

    Man stellte dann fest, wie wenig man sonst genau hinschaut oder zuhört, Zugleich ist man aber froh, dass man etwas Neues, einen neuen Menschen und eine neue Beziehung entdeckt.

    Danke, dass wir uns wieder gesehen haben in der Eifel.

    Alles Liebe: Ingo

    • Marit Mueller

      Lieber Ingo,
      da hast du wirklich recht. Achtsamkeit erlaubt es uns, unser Gegenüber anders wahrzunehmen – freundlicher, toleranter. Und gleichzeitig auch uns selbst neu zu entdecken. Ich habe gelernt, dass es gerade die eher anstrengenden Menschen und Beziehungen sind, von denen ich am meisten lerne. Denn diese halten mir den Spiegel meiner eigenen Glaubenssätze vor. Welcher wohlmeinende Freund oder Gleichgesinnte macht das so direkt…
      Jede Begegnung hat ihre Bedeutung, und ich bin sehr froh, dass wir uns wieder gesehen haben!
      Auf ein drittes, ganz neues Wiedersehen! 🙂
      Herzlichst, Marit

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