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Über Selbstbehauptung und mein persönliches #standwithukraine

„Die Klügere gibt nach.“
„Um des lieben Friedens willen…“

Ich bin doch die Große

Das sind Sätze, Glaubenssätze, mit denen ich aufwuchs und die ich verinnerlicht habe.

Beispiel: Ich habe eine 4 Jahre jüngere Schwester, schon immer viel durchsetzungsstärker als ich. Sie wollte in Kindertagen sehr oft genau das Spielzeug, was ich hatte. Wir stritten darum.

Habe ich bei der Mutter gepetzt, hörte ich öfter mal sowas wie: „Ach gib es ihr doch, du bist doch die Große [soll heißen: die Klügere], und die Klügere gibt nach.“ Ich habe oft nachgegeben. Ich habe also verloren.

Habe ich mich gegen den Spielzeugklau gewehrt, wurde ich häufig handgreiflich. Ich wusste mich oft nicht anders zu wehren, denn Argumente und gutes Zureden halfen gegenüber meiner Schwester nicht. Hat sie die Handgreiflichkeit heulend der Mutter gepetzt, zog ich erstrecht den Kürzeren. Denn ich war die Große, und sollte doch deshalb über den Dingen stehen. Ich habe also verloren.

Echte Wehrhaftigkeit, echte Selbstbehauptung habe ich nicht gelehrt bekommen. Nachgeben und Aussitzen „um des lieben Friedens willen“ habe ich stattdessen gelernt.

Damit bin ich gut durchs Leben gekommen. Denn wer immer nett ist, zu dem sind die anderen auch immer nett. Vermeintlich.

Ich bin doch das Opfer

Ich bin Opfer meiner eigenen Nettigkeit geworden. Denn die fehlenden Lehrstunden zu Mut, sich durchsetzen, standhaft bleiben und sich selbst behaupten – die habe ich nie eingefordert.

Und darüber bin ich schlussendlich gestolpert. Und bin krank geworden über eine Situation, in der ich genau das gebraucht hätte: Mut und Selbstbehauptung. Nicht den Mut zu haben, mich der Situation zu entziehen (das bekannte „flight“/flüchten), nicht die Selbstbehauptung aufzubringen, mich in der Situation zu wehren (das bekannte „fight“/kämpfen) … Ich tat in der Situation, was ich gelernt und perfektioniert hatte, ich erstarrte und ließ die Situation über mich ergehen (das „freeze“/einfrieren).

Wie das Setting zur Situation war, spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass ich sie als ultimative Übergriffigkeit erlebte und ich mich massiv bedroht fühlte. Das „flight“ in mir sagte: Scheiß drauf, geh hier weg, das tut dir nicht gut. Das „fight“ in mir sagte nichts, aber der Körper war in völliger Aufruhr und es brannte förmlich in mir. Das „freeze“ ließ mich nach außen funktionieren, den Schein wahren, meine Aufgabe erfüllen – „um des lieben Friedens willen“.

Ja, ich bin Opfer meiner eigenen Biografie. Und auch ja, dieser Gedanke trägt den Funken der Selbstermächtigung in sich.

Ich übe mich in Selbstbehauptung

Das tue ich jetzt. Seit einigen Jahren, und ich weiß nicht genau, wann das anfing, aber seit einigen Jahren leiste ich Widerstand. Übe ich mich im mutig sein, im Widersprechen, im Abgrenzen und in der Selbstbehauptung.

Ich erlaube mir immer öfter und ganz besonders ein „fight“, ab und zu auch ein „flight“. Und ich lerne vom Ayurveda, auch was diese Verhaltensmuster mit meiner Erkrankung MS zu tun haben.

Ich übe mich in gesundem Egoismus und gesunder Selbstliebe.

Ressourcensammlung für meine Selbstreflexion und Selbstbehauptung (Auswahl)

Für das Verstehen, wie meine MS entstanden ist und was sie triggert/einhegt

MS Food Institut: Wie Ayurveda MS erklärt (meine Erkenntnisse, gegossen in einen Selbstlernkurs, https://msfoodi.com/ayurveda_und_ms, Abruf 14.05.2022)

Für das Zurechtrücken meines Mindsets und das Auflösen alter Glaubenssätze mittels Hypnose (Yager-Code)

Sophia Kröhner | Dein Gesundheitscoach (https://www.sophiakroehner.com/, Abruf 14.05.2022)

Für das Kommunizieren meiner eigenen Bedürfnisse

Breathworks Deutschland, Kurs: Ich möchte freundlich behandelt werden (https://www.breathworks.de/kurse-1/kursdaten-und-infos/ich-möchte-freundlich-behandelt-werden/, Abruf 14.05.2022)

Ich radikalisiere mich

Und das passiert schleichend. In dem Maße, wie die MS mir vorauseilt, wie sie Raum einnimmt in meinem Leben und mir dadurch meinen Lebensraum beschneidet. In dem Maße, wie ich Eigenständigkeit aufgebe und Unterstützung annehme.

Nicht falsch verstehen, ich bin dankbar für Hilfe und Unterstützung. Aber ich reagiere empfindlich auf Übergriffigkeiten. Sowas wie: „Mach doch mal dieses…“, „Willst du denn nicht mal…“, „Ich habe mal für dich…“, und so weiter.

Wenn andere für mich entscheiden wollen. Wenn andere wissen, was gut für mich ist. Wenn andere nicht zuhören, was ich will und stattdessen tun „was gut ist“.

Ich habe es satt, etwas „um des lieben Friedens willen“ zu tun.
Ich habe es satt, nachzugeben wenn ich mich im Recht weiß.

In der Bibel steht dies geschrieben (Einheitsübersetzung 2016, Abruf 14.05.2022):

„Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin!“

Matthäus 5,39

Ich sage: Ich glaube es hackt!

I #StandWithUkraine

Ganz nüchtern

Im Grunde habe ich nichts mit der Ukraine zu tun. Ich kenne dort niemanden, ich war nie im Land, ich spreche die Sprache(n) nicht.

Aber einer meiner ersten Gedanken ist: „Die brauchen ganz viele Packungen der ‚Pille danach‘!“ Da zeigt der Kalender die ausgehende Woche 8 des Jahres 2022. Meinem Impuls folgt Wochen später die grausame Realität. Auch dieser Krieg kommt nicht ohne Vergewaltigungen aus.

Quelle: Bildrechte beim Autor
Quelle: Bildrechte beim Autor

Mich erreicht im Telegram Messenger ein Video. Es ist unerträglich anzusehen. Falschaussagen, Propaganda, Polemik. Die abgebildete Person kann ich nicht identifizieren, das gelingt mir erst Wochen später. Sie heißt Alina Lipp und ist deutsche Propagandistin für Putin-Russland.

Eines der stärksten Bilder für mich ist folgendes. Ich habe das Original abstrahiert, der Bildrechte wegen. Es ist total unaufgeregt und deswegen so gewaltig und voller Stärke. Selbstbehauptung.

Quelle: Bildrechte beim Autor
Quelle: Bildrechte beim Autor

Im März beteilige ich mich an einer privaten Spendenaktion, Geld für direkte Hilfe für direkt betroffene, echte Menschen.

Im Mai tauchen in der Öffentlichkeit erst ein, dann zwei offene Briefe auf. Einen davon zeichne ich mit.

Ganz persönlich

Er betrifft mich, dieser Angriffskrieg Russlands, der Verteidigungskrieg der Ukraine. Weil es auch hier um Selbstbehauptung geht. Um Selbstbestimmung.

Geschichte

Nie habe ich mich wirklich ernsthaft mit der Ukraine beschäftigt: Die ersten 10 Lebensjahre bin ich DDR-Kind – die Ukraine geht für mich in der UdSSR auf, der „Union der Sozialistischen Sowjet Republiken“. Und ja, das ist Mehrzahl! Aber ich kann mich nicht erinnern, dass da in meinen DDR-Schulbüchern zu Heimatkunde oder Geografie drauf eingegangen wird.

Auch nach dem Zerfall der UdSSR und mit der Unabhängigkeit der Ukraine spielt das Land keine Rolle in meiner Wahrnehmung: Die Orangene Revolution (2004) und die Proteste des Euromaidan (2013/14) passieren, aber eben weit weg. Ebenso 2014 die Annexion der Halbinsel Krim durch Russland, die ominösen Kämpfer ohne Hoheitsabzeichen in der Ostukraine, der Abschuss des Malaysia-Airline Fluges 17.

Die Ukraine nehme ich bewusst erst durch die Hörfassung von Natascha Wodins Buch ‚Sie kam aus Mariupol‘ wahr. Ich lasse mir das Buch immer und immer vorlesen. Und bekomme eine Ahnung davon, dass die Ukraine mehr war und ist als eine Teilrepublik der Sowjetunion. Dass das ukrainische Volk mehr als einmal zwischen die Fronten geriet, dass ihm mehr als einmal das Existenzrecht abgesprochen wurde.

Quelle: Bildrechte beim Autor

“Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.”

Roger Willemsen: Wer wir waren. Zukunftsrede

Gegenwart I

Seit ich Marie kenne, weiß ich von ihrem Engagement in der Ukraine. Es beginnt bei ihr im Teenageralter, dass sie Hilfslieferungen begleitet und vor Ort an Ferienfreizeiten teilnimmt. Von einer ihrer Reisen bringt sie mir eine Ikone und einige Fläschchen Körperöl mit. Der Priester vor Ort habe sie für mich gesegnet, sagt sie. Sicher hat sie ihm von meiner MS-Diagnose erzählt. Ich bedanke mich artig, finde es aber skurril, dass ein Unbekannter sowas für mich tut.

Ikone und Öle sind bis heute bei mir, und im Laufe der Jahre entwickle ich ein Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem Priester. Vielleicht, weil ich meine eigene Krankheit anders anschaue, prinzipiell dem Leben „offener“ gegenübertrete? Vielleicht, weil ich mehr Farbnuancen zwischen Schwarz und Weiß wahrnehme, weil ich anerkenne, dass es zwischen Himmel und Erde mehr als eine Zeit, mehr als eine Wirklichkeit gibt? Vielleicht, weil ich einfach dazu lerne?

Marie startet einen privaten Spendenaufruf für die Kirchengemeinde jenes Priesters, der mir so viele Jahre zuvor Gebete sendete. Und mir wird dabei klar und ich schreibe ihr das auch: “Marie, JETZT ist der Moment, an dem ich mein DANKE zurück geben kann an jenen Mann, der dir Gebete und gute Wünsche für mich mitgab […] Und Marie, ich muss so heulen, weil es erst jetzt und unter so grausamen Umständen passiert…” Und ich habe nicht das Gefühl, dass ich genug tue, genug gebe.

Und jener Priester, der mich in seine Gebete einschloss, das ist Bogdan, der Pfarrer der St. Michaels Kirche in Zhytomyr/UA. Marie hält Kontakt zu seiner Tochter Olja. Wenn Marie mir von Olja Sicht auf das Geschehen erzählt: dass es ihr Schicksal sei, dass Olja für sich annimmt und bleibt. Unermüdlich arbeitet und organisiert. Dass Bogdan Güter und Material organisiert, ausfährt. Ein Priester in schwarzer, robuster Outdoor-Kleidung statt im prunkvollen Ornat.

ARTE zeigt in der Mediathek seit geraumer Zeit die erste Staffel der Serie „Diener des Volkes“ von 2015, in der Wolodymyr Selenskyj einen Geschichtslehrer spielt, der zum Präsidenten der Ukraine gewählt wird. Als OMU, Original (Russisch) mit Untertiteln. Ich schaue die ersten Teile und amüsiere mich köstlich. Dann wird mir klar: Gerade läuft Staffel 4. In echt und als Albtraum. Und ich traue mich nicht, weiter zu gucken. Bis heute…

Gegenwart II

Weltgeschehen und Selbstgeschehen laufen gerade parallel. Die Gleichzeitigkeiten strengen mich an. Aber ausweichen will ich ihnen auch nicht. Meine Waffe, und gleichzeitig mein Schutz ist das mich informieren, das abwägen. Und dann eine Position einnehmen.

„Vielleicht gibt es schönere Zeiten; aber dies ist die unsere.“

Jean-Paul Sartre

Das Aberkennen der Existenz, ein Beschneiden von Freiheit, ein Aufdrängen von Fremdbestimmung darf nicht (erneut) gelingen. Nicht gegenüber der Ukraine, nicht gegenüber jedem anderen Volk, einer anderen Nation, nicht gegenüber eines jeden Individuums.

Ich weiß, ich bin ein Glückskind, dass meine ersten 40+ Lebensjahre in einer im Großen und Ganzen friedlichen, privilegierten Welt lebt.

Ich lerne, dass Frieden fragil ist, ein Privileg der Wenigen. Und dass Frieden und Integrität verteidigt werden muss. Dass Diplomatie gut ist und gleichzeitig ihre Grenzen hat. Dass ich das Recht auf Gegenwehr habe, das Recht, mein „Schicksal“ und meinen Weg selbst zu wählen.

„Der Offensivkrieg ist der Krieg eines Tyrannen; wer sich jedoch verteidigt, ist im Recht.“

Voltaire

Ich zeichne den Offenen Brief des Zentrum Liberale Moderne.

Quelle: Bildrechte beim Autor

Einordnung

Ich schreibe das alles für mich selbst, und veröffentliche es dennoch. Ich schreibe, um mich meines eigenen Standpunktes zu vergewissern.

Geschrieben werden wollte der Text schon lange – nur wann wäre der richtige Zeitpunkt? Wohl, wenn ich mir so viel an Meinung angehört habe, dass ich meinen eigenen Standpunkt entwickeln kann. Also jetzt; und also ich schreibe meinen Text in der 19. Kalenderwoche 2022. Ich vermische Mitgefühl gegenüber der Ukraine mit meinem persönlichen Wachstumsimpuls, der nach außen wie Radikalisierung wirken mag.

Mein Text ist aus Fragmenten zusammengeschoben. Er stand kurz vor dem Scheitern, wegen all der Gleichzeitigkeiten, die schwer zu ordnen waren. Wie lassen sich das Innen und Außen auch sinnvoll zusammenbringen, wo sich Zeiten, Erlebnisse und Erkenntnisse auf immer wieder neuen Ebenen schneiden…

Ressourcensammlung für meine Positionsbestimmung (Auswahl)

Ukraine und Russland: Geschichte

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol, Rowohlt Verlag, 2018.

Deutschlandfunk, Archiv: Was kann ein Mensch ertragen? (https://www.deutschlandfunk.de/roman-sie-kam-aus-mariupol-was-kann-ein-mensch-ertragen-100.html, Abruf 12.05.2022)

Deutschlandfunk Kultur, Lange Nacht: Staatsterror in der Sowjetunion, Als anders zu denken lebensgefährlich war (https://www.deutschlandfunkkultur.de/staatsterror-sowjetunion-stalin-lenin-100.html, Abruf 15.04.2022)

ZDF History: Im Fadenkreuz Moskaus – Die Geschichte der Ukraine (https://www.zdf.de/dokumentation/zdf-history/die-geschichte-der-ukraine-100.html, Abruf 14.05.2022)

Ukraine und Russland: Gegenwart

Mein Mariupol, von Natascha Wodin, Die Zeit 14/2022 vom 31.03.2022

Was geschieht in Mariupol?, von Kai Biermann et. al, Die Zeit 18/2022 vom 28.04.2022

ARTE Doku: Das Ukraine-Dilemma (https://www.youtube.com/watch?v=r35iyIKwWc0,Abruf 11.05.2022)

ARTE: Diener des Volkes (Staffel 1, 23tlg, online bis 31.12.2022) (https://www.arte.tv/de/videos/RC-021804/diener-des-volkes/, Abruf 12.05.2022)

Google Maps: St. Michaels (https://www.google.de/maps/place/St.+Michael+Cathederal/@50.2565346,28.6633454,141m, Abruf 12.05.2022)

Der Volksverpetzer: Alina Lipp. Der größte deutsche Pro-Putin-Propaganda-Kanal auf Telegram (https://www.volksverpetzer.de/analyse/alina-lipp/, Abruf 14.05.2022)

Monitor auf YouTube: Propaganda und Proteste: Wie Putins Influencer in Deutschland Stimmung für Russland machen – MONITOR (https://youtu.be/UWeJg217v68, Abruf 14.05.2022)

ZDF Magazin Royale: Russlands mächtiges Propaganda-Netzwerk (29.04.2022) (https://www.youtube.com/watch?v=WNHvTAalSm0, Abruf 11.05.2022)

Reflexionen und Offene Briefe

Roger Willemsen: Wer wir waren. Zukunftsrede; S. Fischer Verlage, 2018.

EMMA Redaktion: Offener Brief an Bundeskanzler Scholz (https://www.change.org/p/offener-brief-an-bundeskanzler-scholz, Abruf 11.05.2022)

Zentrum Liberale Moderne: Die Sache der Ukraine ist auch unsere Sache! (https://www.change.org/p/die-sache-der-ukraine-ist-auch-unsere-sache, Abruf 11.05.2022)


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