Ohne Worte #1 | Beim Neurologen

Ganz ehrlich.
Mir fällt keine prägnante Überschrift ein. Und ich habe keine Idee für ein passendes Beitragsbild…

Und das hier ist auch kein ganzer Artikel.
Eher eine Glosse.
Aber zum Nichtaufschreiben isses zu schade… Also los!

Vorfreude geht anders.

Einmal in 365 Tagen passiert es. Eine Schwester der neurologischen Praxis sagt am Telefon: „Na Sie waren aber lange nicht da. Einmal in Jahr müssen’se aber!“

Also musste ich. Ohne das Müssen auch kein Physiotherapie-Rezept „außerhalb des Regelfalls“.

Wartezeiten sind relativ.

In diesem Jahr hab’ ich mir einen Vormittags-Termin ergattert. Und schwupp. Statt der frühabendlichen drei Stunden Wartezeit waren’s diesmal nur anderthalb.

Und das stimmte mich aus gleich zwei Gründen versöhnlich:

  • Ich hab’ mich auf apfelgrünem Plastik nicht wundgesessen.
  • Ich bin nicht zur Hunger-Diva mutiert (der geneigte Snickers-Spot-Angucker versteht mich).

Quelle: Marit Mueller

Es sieht schlecht aus.

In diesem Jahr wurden bei mir die visuell evozierten Potentiale -VEP- (ext. Link) abgeleitet. Das tut nicht weh, nur wird man durch die Kontrastumkehr im anzustarrenden Schachbrett bekloppt…

Vielleicht ist das gewollt? Dass man Schach matt gesetzt wird vor dem Arztgespräch?

Na wie auch immer. Im Laufe von Untersuchung und Gespräch stellte ich die Frage nach dem Ergebnis des VEP-Tests.

Schlecht, war die Antwort.

Okaaay…?

Ich bemühte mich um die Transferleistung zwischen meinen täglichen Seherlebnissen und dem Wort „schlecht“…

Ich buchstabiere: Ess-Zeh-Ha-Ell-Ee-Zeh-Ha-Tee.

Ich scheiterte: Denn meine Umgebung war und ist bunt, ausreichend scharf, Schlieren frei, ohne Dopplungen oder Pixelfehler…

Mein Scheitern in WhatsApp Sticker Bildsprache:

Quelle: Marit Mueller

Ich fragte nach: Es zeige sich eine Verzögerung in der Reizleitung.

Okay, das ist nicht gut. Diese Info befähigt mich aber immer noch nicht zur Transferleistung.

Ich fragte weiter: Also die Verzögerung, die sei schlecht, seit Jahren. Konstant schlecht. Konstant.

Es sieht gut aus.

Okay, das ist gut! Konstant ist gut! Und nicht schlecht. Besser eine schwache Durchleitung als gar keine!

Entweder wird mein Gehirn das kompensieren, denn meine Umwelt bewegt sich in einfacher Geschwindigkeit.
Oder mein restlicher Körper wird das kompensieren, denn ich gehöre zur Fraktion Landschildkröte.

Meine Stimmung in WhatsApp Sticker Bildsprache:

Quelle: Marit Mueller

Und jetzt noch meine Gedanken, nachdem ich das Gespräch daheim hab sacken lassen:

Das ist echt gut!
In Zeiten von Progredienz, die mir viel Zuversicht und Demut abfordert, ist das echt gut!
Und meine Bemühungen zur Transferleistung habe ich damit einfach losgelassen…

Meine Zuversicht in WhatsApp Sticker Bildsprache:

Quelle: Marit Mueller

Das ist so schade!
Irgendwie bleibt Wehmut zurück, ein Bedauern darüber, dass die Neurologin so eine maximale Formulierung benutzt hat. Dabei ist eine wohl überlegte Wortwahl entscheidend. Für Vertrauen, für das Weltbild, das Selbstbild, das Zukunftsbild…
Und mein Bedauern wandelt sich dann schnell in Unverständnis, denn Hallo?

Mein “Schade…” in WhatsApp Sticker Bildsprache:

Quelle: Marit Mueller

Das war die Neurologenstory.
Die Sticker gibt’s übrigens in dieser App (ext. Link).
Jetzt noch bissel Hintergrund.

Kennen wir uns?

Bis 2013 bin ich wirklich regelmäßig halbjährig in die neurologische Praxis.

2013 bin ich das erste Mal aus Indien zurückgekommen. Und nicht mehr in eine Basistherapie zurückgekehrt.

Einige Jahre danach verabschiedete sich meine Neurologin langsam in den Ruhestand. Und ich mich von der Idee, dass der Standard-Neurologe auch nur einen Ticken „out of the box“ denken kann.

Seitdem ging es bergab. Mit der Arzt-Patienten-Bindung. Ich bekam keinen „neuen“ Ansprechpartner in meiner Praxis. Viel mehr machten sich neue Regeln breit:

Ich saß regelmäßig neuen Ärztinnen in Weiterbildung gegenüber:
Nachdem ich regelmäßig nach mehrstündigem Warten die Letzte abends im Arztzimmer war, habe ich also regelmäßig meine Geschichte neu erzählt.

Ich habe regelmäßig von neuen Ideen berichtet, von Ayurveda, LDN und Coimbraprotokoll. Es wurde regelmäßig in den gedanklichen Rundordner geschoben…

Ich wurde unregelmäßig nach meinem Bedürfnis für eine Basistherapie gefragt.
Ich verneinte stets.

Es wurde sich regelmäßig in so einer merkwürdigen Mischung aus Feststellung und Frage danach erkundigt, ob bei meinen hohen Dosen Vitamin D3 auch sicher regelmäßig die Nieren kontrolliert würden.
Ich bejahte stets.

Nicht mehr und nicht weniger.

Ich bin dankbar, dass ich eine Anlaufstelle hab, an der ich regelmäßig meine Therapierezepte bekomme. Ich weiß, dass ich diese auch nutzen kann für die Beantragung von Hilfsmitteln oder Sozial-/Rentenleistungen. Nicht mehr.

Ich bedaure aber auch, dass sich die Neurologen (zumindest in meiner Praxis) selbst so radikal aus dem Spiel nehmen, wenn es um Neues, um Vielversprechendes, um Mutiges geht, das eben mal keinen Pharmastempel hat…

Das klingt jetzt hart (und Ausnahmen bestätigen sicher die Regel):
Neurologen sind Sachstandsverwalter.
Nicht weniger. Aber eben auch wenig mehr.

Kennst du das auch?

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4 Kommentare bei „Ohne Worte #1 | Beim Neurologen“

  1. Bei meinem letzten Besuch hat sich die Neurologin als Schulmedizinerin (wörtlich: Ich mache nur Schulmedizin!) geoutet. Nachdem ich ihr mitteilte, dass ich das CP mache, meinte sie, ich könne das ja auch tun, ich hätte eine “leichte MS”.
    Gut, da ich sowieso von ihr – habe ja eine “leichte MS” – nichts mehr benötige, habe ich beschlossen, auf weitere Besuche bei ihr zu verzichten.
    Aber schon faszinierend, wie geübt sie sind in der Sprache, die Krankheit schlimmer zu machen, obwohl Stillstand oder sogar Besserung.

    1. M
      Marit Mueller sagt: Antworten

      Hey,
      schön von dir zu lesen!
      Ja, ich staune auch immer noch über die Unbedachtheit der Aussage. Wenn ich -und wir viele- nicht so geübt wären im “es sich nicht zu Herzen nehmen” wären, wir könnten danach gleich eine Türe weiter zur Psychologin… Ach ne, die therapiert ja nicht, die verschreibt nur… 😉
      Lass es dir gut gehen,
      bist nicht “irgendeine”!
      Liebe Grüße
      Marit

  2. Liebe Marit,
    Kenne ich natürlich. Fast alles. Bis auf Indien. Da war ich noch nie…
    Den Besuch beim Neurologen spare ich mir seit zwei Jahren. Stattdessen verschreibt mir stattdessen mein Hausarzt meine Physio zweimal pro Woche. Als Langfristverordnung.
    Ist definitiv deutlich stressfreier für mich.
    Meine Krankenkasse hat sich noch nicht beschwert…
    Halt dich tapfer.
    Und liebe Grüße
    Anke

    1. M
      Marit Mueller sagt: Antworten

      Liebe Anke,
      ganz ehrlich. Vergiss alles, besuch Indien! 😉
      Über die Möglichkeit, die Physio-Rezepte an alternativen Orten zu generieren, muss ich echt und ernsthaft nachdenken… Das Gute an der Neuro-Geschichte: die Praxis ist ein Ort zum Wachsen! (irgendeinen masochistischer Zug muss ich wohl an mir haben)
      Liege Grüße
      Marit

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