(Bahn) Reisen mit Handicap – Ein Erfahrungsbericht

Ich mag Bahnfahren, besonders Fernstrecken. Es ist beinahe, als würde man aus der Zeit fallen. In einer Zwischenzeit sein, einer Zwischenwelt. Schon weg und noch nicht da. Raum für Nichts. Oder Alles. Dazu noch eine gute Aussicht, Musik und ein hartgekochtes Ei! Fetzt schon!

Wenn nur das Drumherum nicht wäre. Das Davor und Danach. Der Weg bis zum Zugabteil, auch das Einsteigen. Das Aussteigen, treppab in eine ungeduldige Menschentraube hinein… Die Wege im Umsteigebahnhof. Wenn die Aufzüge sonstwo stehen, wenn sie defekt sind. Wenn Anschlüsse nicht klappen, sich dadurch die Wege verlängern.

Ich steh’ ja fein auf beiden Beinen, vielleicht nicht immer fest, aber immerhin! Vielleicht nicht lange, und auch nicht elegant, aber immerhin! Dennoch: Das Passieren dieser elend langen Bahnsteige in den Kopfbahnhöfen ist wie ein Marathon. Und ich hab den Bahnsteig nicht für mich allein…

Wenn Eine eine Reise tut, dann kann’se was erzählen

Doch was mir bei Flugreisen eine Selbstverständlichkeit ist, kostet mich bei Zugreisen Überwindung. Einen Rollstuhl-Service zu buchen.

Für meine letzte Reise wollte ich vorsorgen. Denn das Davor und Danach einer Bahnfahrt sind für mich derzeit weniger lustig. Eher anstrengend und , in meinem Fall, schlechte Laune erzeugend.

Und habe jene Hilfe angenommen, die mir die Deutsche Bahn als mobilitätseingeschränkte Person bietet:

Der DB Mobilitätsservice

Und darum dreht sich’s heute: Wie ich diesen Service erlebt habe. Natürlich beschreibe ich hier mein subjektiven Erfahrungen, und repräsentativ ist hier auch nix…

Reiseweg und Vorbereitung

Meine Reise startete am ehemals größten Kopfbahnhof Europas, über die Brexit-Gewinnerstadt am Main hin zu einer der mittelgroßen Schlafstädte für Pendler im Ballungsraum Rhein/Main.

Ich darf mich als ausgefuchst bezeichnen, ich prüfe akribisch Wagenreihungen und Fahrtrichtungen der Fernzüge. Um meine Laufwege zu optimieren, um einen angenehmen Sitzplatz auszusuchen. Meine Trefferquote ist beeindruckend! *prahl*

Hin- und Rückfahrkarten buche ich meist getrennt, ich gönne mir die Freiheit einer Bahncard 50, da bleibe ich flexibel – wenigstens hier.

Das Buchen des Mobilitätsservices geht m.E. recht unkompliziert, per Telefon oder online per Formular. Meine Wahl fiel für beide Wegstrecken aufs Formular.

Die Hinfahrt… Beginn der Karwoche

Für die Hinfahrt wählte ich Rollstuhl-Begleitung auf dem Umsteigebahnhof. Dieser wurde zu 100 % durchgeführt, nee eher 150 %.

Ein sehr zuvorkommender Mitarbeiter der Bahnhofsmission kam nach meinem Aussteigen und der Begrüßung durch Micha (ja, wir treffen uns jetzt schon am Umsteigepunkt statt erst am Ziel, als meine Unterstützung) zugleich herbei, und rollte mich nach meinem Platznehmen im Rolli elegant und flott von einem Bahnsteig zum nächsten.

Ich fühlte mich an die Flughäfen erinnert, auf denen ich schon zwischen den Terminals und Gates verschoben wurde. Nur Micha meinte, er hätte hier endlich mal gemäßigten Schrittes mitlaufen können…

Am Zielbahnsteig angekommen, nahm mich der zuständige Zugbegleiter ins Visier. Ob der Hoffnung, mit dem Rolli unter meinem Hintern auch gleich die neue Rollstuhlrampe an der einfahrenden Regionalbahn austesten zu können. Ein wenig enttäuscht war er schon: der Rolli blieb im Bahnhof. Dafür legte er sich in der Regionalbahn arg ins Zeug, organisierte uns in der Überfüllung Plätze und für den Zielhalt auch eine längere Türöffnung. Es war das erste Mal, dass ich am Ziel entspannt und gelöst zum geparkten Auto gelaufen bin.

Die Rückfahrt… nach den Osterfeiertagen

Für die Rückfahrt wählte ich Rollstuhl-Begleitung sowohl auf dem Umsteige-, als auch dem Zielbahnhof. Dies schon einige Tage vor geplanter Reise, denn es lagen Feiertage dazwischen, da wird durch den Service mehr Bearbeitungszeit erbeten. Die Bestätigung der gebuchten Leistungen dauerte keine halbe Stunde.

Wieder begleitete Micha mich bis zum Abfahrtsgleis des Umstiegsbahnhofs. Und am Zielbahnhof wurde ich auch privat empfangen. Beides zum meinem Glück. Denn auf dem Rückweg lief es nicht gut. LIEF ist dabei das Schlüsselwort. Denn ich rollte nicht, ich lief!

Am Umsteigebahnhof konnte ich keinen Begleitservice ausmachen, auch Micha suchte den Bahnsteig vergebens ab. Irgendwann musste ich loslaufen, denn ich brauche nun mal Zeit, um Gleis und Gleisabschnitt des Anschlusszuges zu erreichen. Zeit, die mir durch längeres Warten verloren geht. Ich musste abwägen…

Am Zielbahnhof wartete dann neben meiner privaten Abholung auch eine freundliche Mitarbeiterin der Bahnhofsmission auf mich. Nur ohne Rollstuhl – dessen Notwendigkeit wurde im Auftrag nicht übermittelt, sagte sie mir. Auch, dass dies immer wieder vorkomme. Dass es wohl besser wäre, sich direkt an die Bahnhofsmission zu wenden. Auch war die Frau schon in ihrer Feierabendzeit. In die ich sie auch entlassen habe. Ich bin dann mit meiner privaten Abholung losgelaufen…

Ich hab’ daheim dann meine Kritik formuliert. Die Reaktion der entsprechenden Stelle, zuständig für ??? – zumindest für meine Beschwerde bzgl. des Umsteigebahnhofs, schrieb dazu:

“[…] Mit Bedauern mussten wir zur Kenntnis nehmen, das Ihnen an diesem Tag nicht wunschgemäß geholfen wurde. Die Deutsche Bahn AG legt großen Wert darauf, dass mobilitätseingeschränkten Kunden die Reise so angenehm wie möglich gestaltet wird. Eine Rücksprache mit den zuständigen Mitarbeitern hat ergeben, dass Sie leider nicht angetroffen wurden. Unsere Mitarbeiter sind angewiesen, intensiv nach dem betroffenen Reisenden zu suchen, sofern Sie Ihn nicht direkt antreffen […]”

So richtig auf mir sitzen lassen konnte ich das nicht. Meine Antwort:

“Werte Damen und Herren,
die Aussage, man hätte mich – ich gehe davon aus, Sie meinen […] Hbf – nicht angetroffen, ist unschön.
Ich hatte nach Ausstieg aus der RB am Zuganfang gewartet, meine Begleitung hatte entlang des Gleises nach einer entsprechenden Hilfsperson gesucht. Wie Sie sich vorstellen können, kann ich als gebehinderte Person auch keine längere Zeit warten, denn der Anschlusszug wartet auch nicht auf mich. Wenn ich also keinen Mobilitätsservice vorfinde, dann mache ich mich nach einer gewissen Wartezeit auf den Weg zum Gleis des Anschlusszuges. So geschehen. Nebenbei: Meine Begleitung hatte sogar nochmals nach Verlassen des Ankunftsgleises in einer meiner Gehpausen am Ankunftsgleis gesucht.
Die angegebene Umsteigezeit musste ich voll ausschöpfen: ich erreichte den Gleisabschnitt meines gebuchten Wagens/Platzes, als der Anschlusszug einfuhr.

Auf meine Angabe, dass die Hilfsperson am Zielbahnhof Leipzig keine Information über eine benötigte Rollstuhlhilfe bekam, sondern “nur” über reine Begleithilfe, gehen Sie in Ihrer Antwort gar nicht ein.”

Nun kann ich von 2 Fahrten unter Nutzung des Mobilitätsservices nicht auf den kompletten Service schließen. Dennoch wage ich für mich selbst ein…

Fazit… es gibt Luft nach oben

Von drei bestätigten Begleitbuchungen wurde allein eine zu 100% ausgeführt. Mager.

Die Buchung des Services verlief reibungslos, man kann seine Bedarfe sehr umfänglich benennen.

Die Kommunikation zwischen den zuständigen Stellen der DB und den Ausführenden könnte optimiert werden. Bestätigte Service-Buchungen sollten bis ans vorletzte Glied der Kette vollständig durchgereicht werden. Sonst steht das letzte Glied dumm da. Also der Fahrgast.

Ich denke, dass ich den DB Mobilitätsservice wieder nutzen werde. Und bei “Störungen vor Ort” dann auch eine Telefonnummer für diese Fälle zur Hand haben werde.

Ich werde aber auch zusehen, dass ich auch “meine eigenen Leute” positioniere. Allein auf den Service will ich mich nicht verlassen wollen.

Dennoch! Ein sillvoller Service, erlaubt und erleichtert er doch das Reisen mit Handicap.

Einschränkend muss ich sagen: Ich habe den Service nur in großen Bahnhöfen genutzt, nicht in der grünen Peripherie…

Jetzt du!

Hast du den DB Mobilitätsservice schon genutzt? Welche Erfahrungen hast du gemacht? Und hast du ein paar Tipps im Buchen, Nutzen, …?

Ressourcen

zum DB-Mobilitätsservice hier (externer Link) 

zu barrierefreiem Reisen im dt. Bahnverkehr allgemein hier (externer Link)

zu Wagenreihungen und Fahrtrichtungen im DB Fernverkehr hier (externer Link)

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2 Kommentare

  • Ja das mit der Mobilität ist so eine Sache. Besonders in unserer/deiner Situation. Wenn es klappt ist alles wunderbar entspannt, wenn nicht wird aus einer Tour eine Tortur, wie wir ja am eigenen Leib erfahren durften. Es ist immer sehr schwer für mich dich in diesen Situationen zu begleiten und zu sehen wie du dich mühst. Ich würde dich dann am liebsten huckepack nehmen um dir die Wege zu erleichtern. Meter werden dann leicht zu Kilometern und je länger der Weg dauert, desto beschwerlicher wird er. Wir haben schon einige “Transporthürden” gemeistert und das werden wir auch in Zukunft tun.
    Der Mobilitätsservice der Bahn ist eine gute Sache, wenn er denn funktioniert und je eingeschränkter man ist, desto mehr muss man sich auch darauf verlassen können das er funktioniert. Sicher sind solche Situationen Momentaufnahmen und hoffentlich nicht die Regel.
    Danke nochmal an die Bahnhofsmission den älteren Herrn und nicht zu Letzt den zuvorkommenden Zugbegleiter am Frankfurter Hauptbahnhof die uns so freundlich unterstützt haben.

    Liebe Grüße

    Der Micha

    • Lieber Micha,
      ja das war und ist immer ein Abenteuer-Kraftakt-Mix…
      Und wir vertrauen auf die besseren Zeiten, die kommen!
      Danke, dass du da bist…
      Marit

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